Digitale Identität und Business Wallets werden in Europa nun konkret. Für viele private und öffentliche Organisationen eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten, Prozesse zu optimieren und das Vertrauen in digitale Services zu stärken. Für andere entstehen zugleich gesetzliche Verpflichtungen, die eine rechtzeitige Vorbereitung erfordern,
Doch wo sollte man beginnen, damit digitale Identitätslösungen in der Praxis wirksam funktionieren?
1. Die eigene Rolle im Ökosystem verstehen
Der erste Schritt besteht darin, die Rolle der eigenen Organisation im digitalen Identitätsökosystem zu definieren. Im Zusammenhang mit elektronischen Nachweisen kann eine Organisation beispielsweise als Aussteller von Berechtigungsnachweisen, als Wallet-Nutzer oder als vertrauende Partei (Relying Party) agieren. Häufig werden mehrere Rollen gleichzeitig eingenommen.
Eine Kommune kann etwa als Aussteller auftreten, wenn sie elektronische Nachweise wie Servicegutscheine, Parkgenehmigungen oder eine digitale Wohnsitzbestätigung vergibt. Gleichzeitig kann sie als Relying Party handeln, indem sie die Berechtigung einer Person zur Nutzung bestimmter Dienstleistungen prüft, beispielsweise durch Abfrage des Gemeindecodes aus der Wallet und differenzierte Preisgestaltung für Einwohner:innen und Nicht-Einwohner:innen.
Ein Handelsunternehmen wiederum kann als Relying Party im Lieferkettenmanagement agieren, indem es automatisch die Berechtigungen von Lieferanten oder Partnern überprüft, bevor Zugang zu Lagern, Verteilzentren oder IT-Systemen gewährt wird.
Da die EUDI Wallet auch für Identifizierungszwecke genutzt werden kann, sind bestimmte Branchen künftig verpflichtet, sie für die starke elektronische Identifikation zu akzeptieren. Die eigene Rolle zu verstehen, schafft Klarheit über Chancen und Verantwortlichkeiten und bildet die zentrale Ausgangsbasis für die Vorbereitung auf das Zeitalter digitaler Wallets.
2. Stakeholder und konkrete Anwendungsfälle identifizieren
Digitale Identität betrifft Kunden, Partner, Mitarbeitende und Behörden gleichermaßen. Deshalb ist die Identifikation relevanter Stakeholder und konkreter Use Cases essenziell.
Leitfragen können sein:
- In welchen Services ist eine starke Authentifizierung erforderlich?
- Lassen sich papierbasierte Prozesse durch elektronische Nachweise ersetzen – insbesondere dort, wo Kosteneinsparungen angestrebt werden?
- Können Betrugs- und Fälschungsrisiken reduziert werden, da elektronische Nachweise mit digitalen Signaturen versehen sind?
- Entstehen neue Services für Geschäftskunden oder Partner?
- Verbessert eine digitale Wallet die Customer Experience – online oder vor Ort?
- Welche regulatorischen Verpflichtungen ergeben sich für die unterschiedlichen Akteure?
Klare Use Cases ermöglichen eine zielgerichtete Investitionsplanung und helfen, den Mehrwert digitaler Wallets rasch zu realisieren. Voraussetzung ist ein fundiertes Verständnis der eigenen Prozesse und Customer Journeys.
3. Qualität von Registern und Daten sicherstellen
Digitale Identität basiert auf verlässlichen und aktuellen Daten. Entscheidend ist daher Transparenz darüber, wo Daten liegen und wie sie genutzt werden.
Die EUDI Wallet kann auf zwei Arten eingesetzt werden:
- Eine Person wird eindeutig identifiziert und relevante Daten werden aus Backend-Systemen abgerufen.
- Bereits ausgestellte elektronische Nachweise werden direkt aus der Wallet vorgelegt.
Im ersten Fall dient die Wallet der starken Authentifizierung. Nach erfolgreicher Identifikation werden benötigte Informationen – etwa Adressdaten oder Leistungsansprüche – aus internen Registern abgerufen. Die Datenqualität in Backend-Systemen ist hier erfolgskritisch. Inkonsistenzen zwischen verschiedenen Registern verhindern automatisierte Entscheidungen.
Im zweiten Fall trägt der Aussteller des elektronischen Nachweises die Verantwortung für die Aktualität und Richtigkeit der Daten. Sind beispielsweise Qualifikationsdaten nicht aktuell, scheitert eine automatisierte Prüfung – etwa auf einer Baustelle.
Zudem muss die Datenstruktur der Nachweise klar definiert sein, damit empfangende Stellen diese automatisiert verarbeiten können.
4. Nachhaltige Architektur und Interoperabilität gestalten
Der Mehrwert digitaler Identität entsteht erst, wenn Services, Prozesse und Systeme nahtlos zusammenspielen. Eine zukunftsfähige Architektur berücksichtigt:
- Integration in bestehende Systemlandschaften
- Skalierbarkeit für zukünftige Anforderungen
- EU-weite Standards und Vorgaben
- Nationale regulatorische Rahmenbedingungen
Ein Beispiel: Erteilt eine Stadt eine Baugenehmigung, kann diese als digitaler Nachweis in die Wallet überführt werden. Bauaufsichtsbehörden müssen dann in der Lage sein, Gültigkeit und Inhalte automatisiert zu prüfen – sowohl bei Online-Verfahren als auch bei Vor-Ort-Kontrollen.
Eine durchdachte Architektur reduziert manuelle Arbeitsschritte und ermöglicht Prozessautomatisierung – insbesondere im Kontext von Business Wallets.
5. Sicherheit und Nutzererlebnis priorisieren
Vertrauen entsteht durch Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit. Digitale Identitäten betreffen häufig sensible Daten – Cybersecurity und Datenschutz sind daher Grundvoraussetzungen.
Gleichzeitig entscheidet die User Experience über die tatsächliche Akzeptanz. Klare Prozesse und verständliche Interaktionen sind sowohl für Individuen als auch für Organisationen entscheidend. Gut gestaltete Lösungen verbessern die Customer Experience erheblich und ermöglichen neue Serviceangebote.
Wesentlich ist zudem, dass alle drei Akteure – Aussteller, Nutzer und Relying Party – einen klaren Mehrwert aus der Wallet ziehen.
Digitale Identität und Business Wallets werden Organisationsmodelle in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Erfolgreiche Umsetzung erfordert ein ganzheitliches Verständnis von Geschäftsmodellen, Technologie und Regulierung. Gofore verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in digitalen Services, Registerlösungen und Identifikationsökosystemen wie Suomi.fi sowie über fundierte Expertise in sicherer und ethischer Digitalisierung. So lassen sich Rollen, Use Cases und Transformationspfade strategisch fundiert gestalten.
Jetzt auf das EUDI Wallet vorbereiten und unsere Services rund um die digitale Identität entdecken
Die EUDI Wallet (European Digital Identity Wallet) ist eine digitale Identitätslösung auf Basis der eIDAS-Verordnung der EU. Sie ermöglicht eine starke elektronische Identifizierung, elektronische Signaturen sowie die Verwaltung digitaler Nachweise, die von Behörden in der gesamten EU ausgestellt werden. Ziel ist es, digitale Dienstleistungen reibungsloser zu gestalten, den Datenschutz zu stärken und eine interoperable digitale Identität innerhalb der EU zu schaffen.
Die European Business Wallet (digitale Wallet für juristische Personen) ist eine digitale Identitätslösung für Unternehmen, öffentliche Organisationen und andere juristische Personen. Sie ermöglicht die digitale Verifikation der Identität einer Organisation sowie der Rollen, Mandate und Vertretungsbefugnisse ihrer Vertreter:innen innerhalb der EU. Organisationen können dadurch elektronisch und automatisiert mit Behörden und Geschäftspartnern interagieren – beispielsweise durch die Prüfung von Vertretungsrechten, die Übermittlung amtlicher oder geschäftlicher Nachweise sowie das Signieren oder Siegeln von Dokumenten. Die EU-Verordnung zu Business Wallets wird voraussichtlich 2027 in Kraft treten.