Die öffentliche Verwaltung kann sich stark daran orientieren, wie die Automobilindustrie künstliche Intelligenz als Partner für den Menschen einsetzt, erklärt Ewa Tawaststjerna, Director Digital Government bei Gofore. Ein Beispiel dafür ist das Konzept eines „dialogfähigen Handbuchs“ für Traktoren von Valtra. Eine Innovation, die sich auch im öffentlichen Sektor vielseitig nutzen ließe.
In der Automobilindustrie wird KI zunehmend nicht nur zur Automatisierung eingesetzt, sondern als unterstützender Partner für Menschen. Der Traktorenhersteller Valtra hat gemeinsam mit Gofore ein Konzept entwickelt, bei dem KI als dialogfähiges Handbuch für Landwirte fungiert, integriert in den Arbeitsalltag statt als separates System.
Die mobile Anwendung „Talking Tractor“ bündelt Informationen rund um die Nutzung des Traktors, von Bedienungsanleitungen über Telemetriedaten bis hin zu Arbeitsprotokollen. Nutzer:innen können Fragen in ihrer eigenen Sprache per Spracheingabe oder Text stellen. Die Anwendung wurde erstmals Ende 2025 auf der Agritechnica Messe vorgestellt und soll im Laufe des Jahres 2026 veröffentlicht werden.
KI zur Unterstützung von Serviceprozessen
Der Einsatz von KI, etwa am Beispiel des „Talking Tractor“, zeigt, wie Services künftig funktionieren könnten: in der Landwirtschaft ebenso wie in der öffentlichen Verwaltung oder entlang von Versorgungspfaden im Gesundheitswesen. Entscheidend ist dabei nicht, dass KI mehr weiß, sondern dass sie genau im richtigen Moment unterstützen kann.
Der „Talking Tractor“ verdeutlicht die Vorteile von KI vor allem als Unterstützungswerkzeug. Nutzer:innen können Fragen stellen, und das System versteht den Kontext und fungiert wie ein Handbuch, das sie Schritt für Schritt durch den Prozess führt. KI zeigt nicht nur Daten an wie eine Suchmaschine, sondern gibt Orientierung für konkrete Handlungen und nächste Schritte, erklärt Ewa Tawaststjerna.
Die passende Unterstützung im richtigen Moment
KI kann Nutzer:innen dabei unterstützen, im Verlauf eines begonnenen Prozesses die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu gehen. Technisch ermöglicht KI bereits heute einen sehr gleichberechtigten Zugang zu Services in einer vielfältigen Gesellschaft, in der Menschen zumindest teilweise in ihrer eigenen Muttersprache mit digitalen Angeboten interagieren könnten. Wenn Nutzer:innen mit einem KI-Agenten sprechen, der Sprache versteht und erzeugt, wäre es sogar möglich, Services zu nutzen, ohne lesen zu können, ergänzt Tawaststjerna.
Bei öffentlichen Dienstleistungen müssen Nutzer:innen heute häufig wissen, was sie fragen müssen, wo sie fragen müssen und welche Begriffe sie verwenden sollen. Für viele Menschen ist das schwierig, insbesondere für ältere Nutzer:innen, für Menschen mit Sprachbarrieren oder für jene, die unter digitaler Ermüdung leiden. Chatbots sind nicht aus technischen Gründen gescheitert, sondern weil sie darauf ausgelegt waren, Fragen zu beantworten, statt Nutzer:innen durch einen gesamten Prozess zu begleiten, sagt sie.
Wenn KI auf diese Weise gedacht wird, stellt sich auch die Frage, über welche Fähigkeiten und Erfahrungen sie verfügen sollte.
KI als Teil des institutionellen Wissens
Laut Tawaststjerna besteht die zentrale Herausforderung im öffentlichen Sektor häufig nicht in einem Mangel an Informationen oder Fachwissen, sondern in deren Fragmentierung und Komplexität. Wenn Regeln, Ausnahmen, Zuständigkeiten und Praktiken auf mehrere Systeme und Expert:innen verteilt sind, steigt das Risiko von Missverständnissen, Fehlern und Problemen bei der Bearbeitung von Anliegen, sowohl aus Sicht der Nutzenden als auch der Organisation.
In der öffentlichen Verwaltung kennen Systeme häufig die Regeln, aber nicht die konkrete Situation. Menschen hingegen verstehen das Gesamtbild, Ausnahmen und praktische Rahmenbedingungen. Das eigentliche Potenzial von KI entsteht erst dann, wenn sie lernt, beides miteinander zu verbinden, sagt Tawaststjerna.
Das Denken im Sinne eines „Talking Tractor“ macht deutlich, dass KI mehr leisten kann, als einzelne Fragen zu beantworten. Sie kann erfahrungsbasiertes, sogenanntes implizites Wissen tragen: also ein Verständnis dafür, wie Prozesse tatsächlich ablaufen, an welchen Stellen Menschen typischerweise Unterstützung benötigen und welche Ausnahmen im Alltag auftreten. Wird dieses Wissen Teil der KI, sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Expert:innen, und die Einarbeitung neuer Fachkräfte kann deutlich schneller erfolgen.
Die Landmaschinen der Zukunft sind autonom, effizient und umweltfreundlich. Der nordische Industriekonzern Valtra entwickelt gemeinsam mit Gofore Traktoren auf Weltklasseniveau und treibt damit die nächste Generation mobiler Maschinen voran.