Artikel 12.6.2026

Lehren aus der Ukraine für Europa: Wie digitale Resilienz entsteht

Aerial view from Helsinki

Mitten im Krieg hat sich die Ukraine innerhalb weniger Jahre an die Spitze internationaler Rankings zur digitalen Transformation des öffentlichen Sektors gearbeitet. Als Russland seinen groß angelegten Angriffskrieg begann, konnte das Land auf Strukturen zurückgreifen, die lange zuvor geschaffen worden waren. In ihrer Keynote auf Gofore’s jährlicher Veranstaltung Digital Society 26 erläuterte Valeriya Ionan, Beraterin des ukrainischen Verteidigungsministers und des ukrainischen Ministeriums für digitale Transformation, was Finnland und Europa von der Ukraine lernen können, um eine widerstandsfähige digitale Gesellschaft zu sichern.

Innerhalb kurzer Zeit ist die Ukraine zu einem internationalen Vorbild für die Digitalisierung der Verwaltung geworden. Ionans Botschaft an die europäischen Entscheidungsträger, die die Zukunft der Digitalisierung gestalten, ist klar: Eine digitale Gesellschaft muss aufgebaut werden, bevor sie dringend benötigt wird.

Die öffentlichen digitalen Dienste der Ukraine basieren auf einer langfristigen Vision, entschlossener Führung und einer Technologie, die konsequent an den Bedürfnissen der Bürger ausgerichtet ist. Diese Faktoren haben gemeinsam eine Widerstandsfähigkeit ermöglicht, die für ein Land unter extremen Bedingungen von entscheidender Bedeutung ist.

Ein strategischer Kurswechsel legte den Grundstein

Die Digitalisierung des öffentlichen Sektors in der Ukraine hat innerhalb kurzer Zeit einen enormen Sprung gemacht. Im Jahr 2018 lag das Land in internationalen Vergleichen zur digitalen Entwicklung noch auf Platz 102. Im Jahr 2024 belegte es bereits den fünften Platz. Ionan beschreibt diese Entwicklung als außergewöhnlichen strategischen Kurswechsel.

„Der Wendepunkt kam 2019 mit der Gründung des Ministeriums für digitale Transformation. Gleichzeitig haben wir mit dem CDTO eine neue Führungsrolle geschaffen. Sie ist dafür verantwortlich, den Wandel sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene voranzutreiben“, erklärt Ionan.

Dabei ging es laut Ionan nicht darum, einzelne Projekte umzusetzen, sondern um eine grundlegende Transformation des gesamten Systems.

„Unser Ziel war es, Silos aufzubrechen und den Wandel im gesamten Staat konsequent voranzutreiben. Grundlage dafür war eine klare, gemeinsame und langfristige Vision: Wir wollten das digitalste Land der Welt werden.“

Digitale Resilienz entsteht vor dem Krieg

Der russische Angriff im Jahr 2022 veränderte die Rahmenbedingungen in der Ukraine über Nacht. Die Prioritäten der Digitalstrategie mussten angepasst werden, ihre grundsätzliche Ausrichtung blieb jedoch bestehen. Ionan betont, dass die Ukraine unter extremen Bedingungen vor allem aus einem entscheidenden Grund handlungsfähig blieb.

„Wir haben die digitale Resilienz nicht während des Krieges aufgebaut. Sie war bereits vorhanden.“

Als sich die Rahmenbedingungen schlagartig veränderten, wurde der Fokus der Digitalstrategie ebenso schnell angepasst. Die eingeschlagene Richtung blieb jedoch dieselbe.

Ein ganzer Staat als digitale Plattform

Das sichtbarste Beispiel für den digitalen Staat der Ukraine ist Diia. Das umfassende Service-Ökosystem bündelt öffentliche Dienstleistungen, offizielle Dokumente und verlässliche Informationen für Bürger. Über eine zentrale digitale Plattform ermöglicht Diia den Zugang zu zahlreichen öffentlichen Angeboten.

Fernseh- und Radiosendungen wurden innerhalb kürzester Zeit in die Diia-App integriert. Die App wird von 24 Millionen Ukrainer genutzt. So blieben verlässliche Informationen der Regierung weiterhin zugänglich. Als der Krieg zu großflächigen Fluchtbewegungen innerhalb des Landes führte, wurde innerhalb weniger Tage ein neuer Service entwickelt. Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, erhielten darüber Zugang zu finanzieller Unterstützung, öffentlichen Dienstleistungen und wichtigen Informationen.

Wenn Angebote vor Ort ausfallen, halten digitale Dienste die Gesellschaft am Laufen.

„Das Diia-Ökosystem hat dazu beigetragen, das Vertrauen der Bürger in einer Situation ständiger Unsicherheit zu bewahren. Der Krieg zwang die Verwaltung dazu, auf neue Weise zu arbeiten: schneller, offener und in enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft“, fasst Ionan zusammen.

Krieg beschleunigt Innovationen

Die außergewöhnlichen Umstände haben die Entwicklung öffentlicher Dienstleistungen in der Ukraine grundlegend verändert. Laut Ionan werden Entscheidungen deutlich schneller getroffen. Innovationen entstehen in kurzen Zyklen: Ein Problem wird erkannt, eine Lösung entwickelt, getestet und nahezu unmittelbar eingeführt. Der Krieg hat Innovationen nicht gestoppt, sondern beschleunigt. Er hat die Verwaltung dazu gebracht, grundlegend neue Arbeitsweisen zu entwickeln.

„Mit dem Diia-Ökosystem konnten neue staatliche Unterstützungsangebote innerhalb weniger Tage oder Wochen eingeführt werden, nicht erst nach Monaten oder Jahren. Gleichzeitig hat sich die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Unternehmen und Zivilgesellschaft deutlich vertieft. Der öffentliche Sektor arbeitet nicht mehr allein. Lösungen entstehen gemeinsam“, erklärt Ionan.

Alle Diia-Angebote werden aus dem Staatshaushalt finanziert. Ihre Einführung wurde durch einen kulturellen Wandel unterstützt. Sowohl Verwaltungsmitarbeitende als auch Bürger mussten sich auf offenere Arbeitsweisen und die Nutzung digitaler Dienste einstellen. Ionan betont, dass die einfache Bedienung und der konkrete Nutzen im Alltag entscheidend für den Erfolg waren.

Vertrauen entsteht, wenn Menschen den konkreten Nutzen einer digitalen Gesellschaft in ihrem Alltag erleben.

Auf dem Weg zu einem proaktiv handelnden Staat

Die Ukraine ist laut Ionan bereits auf dem Weg in die nächste Phase der digitalen Entwicklung. Der digitale Staat entwickelt sich zu einem proaktiv handelnden, KI-gestützten Staat. Künstliche Intelligenz soll die Bürger im Alltag unterstützen und Entscheidungsprozesse im öffentlichen Sektor verbessern.

Die Ukraine baut bereits eine eigene AI Factory auf und entwickelt mit Siaivo ein nationales Large Language Model. Damit verfolgt das Land das Ziel, weltweit eine Vorreiterrolle beim Einsatz künstlicher Intelligenz im öffentlichen Sektor einzunehmen.

Diia verfügt bereits über einen KI-Agenten. Der nächste Schritt ist Diia AI: eine Version der App, in der künstliche Intelligenz öffentliche Dienstleistungen direkt bereitstellt, Bedürfnisse der Bürger frühzeitig erkennt und passende nächste Schritte vorschlägt. Die übergeordnete Vision ist ein Staat, der vorausschauend handelt. KI-Agenten übernehmen wiederkehrende Interaktionen, sodass Bürger passende Lösungen erhalten, bevor sie überhaupt danach fragen müssen.

„Das Ziel ist nicht allein mehr Effizienz. Es geht um einen besseren Alltag für die Menschen und um einen Staat, der handeln kann, bevor sich Probleme verschärfen“, fasst Ionan zusammen.

Eine klare Botschaft an Europa

Zum Abschluss ihrer Keynote erläuterte Ionan die wichtigsten Lehren, die Europa aus den Erfahrungen der Ukraine ziehen kann. Am Anfang steht eine klare, gemeinsame und langfristige Vision, die als Orientierung für alltägliche Entscheidungen dient. Ambitionierte Ziele werden in konkrete Teilprojekte überführt. Vertrauen entsteht durch tatsächliche und spürbare Vorteile für die Menschen.

„Der öffentliche Sektor kann diese Aufgabe nicht allein bewältigen. Er benötigt eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und Zivilgesellschaft. Technologie sollte nicht als Lösung an sich betrachtet werden, sondern als Mittel, um Bürger zu unterstützen und die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft zu stärken. Das gilt insbesondere in Situationen, in denen nichts nach Plan verläuft“, fasst Ionan zusammen.


Welche Prioritäten und Hindernisse prägen die Digitalisierung des öffentlichen Sektors in Deutschland?

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